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Rede Dezernentin Frau Heilig:
„Nationaler Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen“
21.07.2012, 15.00 Uhr, Taunusanlage Lesegarten (Gedenkplatte)


Sehr geehrte Frau Bermel (Basis e.V.),
sehr geehrte Frau Eggebrecht,
sehr geehrte Frau Weil (Aidshilfe),
sehr geehrter Herr Sterneck (Basis e.V.)
sehr geehrte Damen und Herren,

wir wollen heute all derjenigen Menschen gedenken, die an den Folgen ihrer Drogenabhängigkeit ums Leben gekommen sind. An diesem Tag erinnern sich in vielen Ländern Menschen an liebe Freunde, Angehörige und Patienten. Dieser Gedenktag fand im Jahr 1998, auf Initiative des „Landesverbandes der Eltern und Angehörigen für humane und akzeptierende Drogenarbeit NRW e.V.“ erstmals in Gladbeck statt. Seitdem nehmen Menschen in über 60 deutschen Städten, aber auch in Dänemark, den Niederlanden und Großbritannien diesen Tag zum Anlass, gemeinsam verstorbener Drogenkranker zu gedenken und dafür einzutreten, dass anderen geholfen wird, damit sie nicht sterben.

Nicht nur im Zusammenhang mit dem 21. Juli haben der Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit, JES (Junkies, Ehemalige, Substituierte), die Aids Hilfe und viele andere Verbände und Vereinigungen dazu beigetragen, die öffentliche Wahrnehmung auf einen Personenkreis zu richten, der allzu leicht, oder manchmal auch allzu gerne nicht wahrgenommen wird. Vieles von dem, was in den letzten Jahren drogenpolitisch erreicht wurde, wäre ohne diesen veränderten Blick nicht möglich gewesen.

Frühe Tode im Zusammenhang mit Drogen haben oft auch mit Doppelmoral zu tun. So ist Drogenabhängigkeit zwar als Krankheit anerkannt, doch Drogenabhängige werden weiterhin kriminalisiert und damit gesundheitsgefährdenden Bedingungen ausgesetzt. Auch in Frankfurt sind im letzten Jahr 26 Personen an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben, in diesem Jahr sind es bisher 10.

10 frühe Tode zu viel. 10 frühe Tode, die uns - wie auch dieser Ort - gemahnen, mit unserer Arbeit weiterzumachen und uns nicht auf dem Erreichten auszuruhen.

Heute hier zu Ihnen zu sprechen, stimmt mich nachdenklich und traurig. Aber als neue Gesundheitsdezernentin der Stadt Frankfurt weiß ich, dass ich mich auf sehr viel Erfahrung und Engagement stützen kann, um die Lebensbedingungen drogenkranker Menschen zu verbessern.

Deshalb danke ich den Veranstaltern, der Aids-Hilfe-Frankfurt und Basis e.V., für die Einladung und die Gelegenheit, heute hier zu sein und zu Ihnen zu sprechen.

Gerade an diesem Ort zeigt sich, dass der Einsatz nicht umsonst war und ist. Die Taunusanlage mit ihrer weit über Frankfurts Grenzen hinaus berüchtigten offenen Drogenszene der späten 1980er und frühen 1990er Jahre, wo sich bis zu 1.000 Menschen täglich aufhielten, dealten und - unter katastrophalen Bedingungen - konsumierten, diese Taunusanlage gibt es nicht mehr. Auch die große Zahl der Todesfälle in diesen Jahren mit dem Höhepunkt von 147 Drogentoten 1992 und auch das Fehlen geeigneter Hilfestrukturen: das alles ist Vergangenheit.

Mit dem Gremium Montagsrunde haben Gesundheitsdezernat, Strafverfolgungsbehörden, Drogenhilfe, städtische Ämter und das Drogenreferat gemeinsam drogenpolitische Konzepte entwickelt. Diese Gemeinsamkeit war damals ein Novum. Mit der Umsetzung dieses Frankfurter Wegs ist es gelungen, eine Balance zwischen Hilfe und Repression zu schaffen, die den Konsumenten Perspektiven eröffnet, den Handel eindämmt und ein Miteinander in Frankfurt möglich macht. Seitdem hat sich vieles entwickelt, was wir heute – zumindest in unserer Stadt – als beinahe selbstverständlich sehen. Wir haben nun Beratungsstellen, Krisenzentren, Notübernachtungsplätze, Streetwork und Betreutes Wohnen. Substitutionsbehandlungen und die Behandlung mit Diamorphin sind medizinisch und gesellschaftlich anerkannt, Frankfurt hat erreicht, dass der Bund auch die gesetzlichen Grundlagen dafür schaffte. Und wir haben zudem vielfältige Präventionsangebote und Projekte.

Aber auch wenn sich die Situation der Drogenabhängigen in unserer Stadt entscheidend verbessert hat, am heutigen Tag denken wir an Jene, die trotz allem zu früh gestorben sind, deren Tod vielleicht vermeidbar gewesen wäre.

Diese Schicksale, diese Gedenkstätte, dieser Tag und die Situation der Lebenden fordern uns dazu auf, nicht aufzuhören und weiterzumachen. Bei vielen Aufgaben haben wir große Gestaltungsfreiheiten, bei anderen müssen wir internationales Recht, Bundes- und Landesrecht beachten. Die Einrichtung der Konsumräume und die Realisierung der Heroinvergabe haben aber gezeigt, dass in gemeinsamen Anstrengungen von Kommunen und Verbänden Veränderungskraft liegt, dass Einfluss genommen werden kann. Das diesjährige Motto: „Drogenlegalisierung = Drogenkontrolle“ klingt - zunächst - nach einer utopischen Forderung. Ist es Utopie? Der entgegengesetzte Weg - der „War on Drugs“ - ist jedenfalls nicht aufgegangen. Seine Bilanz wird endlich kritisch hinterfragt.

Lassen Sie uns weitermachen. Arbeiten wir an der Verbesserung der Lebensbedingungen und der Eingliederungschancen Drogenabhängiger, die immer noch am Rande der Gesellschaft leben müssen. Der ganz große Durchbruch gelingt nur sehr selten, zumeist braucht es viele kleine Schritte. Wir haben in der Vergangenheit vieles verbessern können, arbeiten wir für weitere Verbesserungen in der Zukunft. Wir wollen nicht vergessen, was hinter uns liegt, aber vor allem daran denken, welche Herausforderungen vor uns liegen, die Chancen auf ein menschenwürdigeres Leben bedeuten.

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Gedenktag für verstorbene DrogengebraucherInnen
21. Juli 2012 - Frankfurt am Main
Bundesweiter Aufruf 2012: "Dogenlegalisierung = Drogenkontrolle“
Infos zum Gedenktag in Frankfurt am Main
Fotos: Infostände, Aktionen, Trauerzug, Reden, ...
Redebeitrag von Rosemarie Heilig (Dezernentin für Umwelt und Gesundheit)
Redebeitrag von Urs Köthner (akzept e.V.)
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